Unser Gefühl für die ZEIT …

Ich besuche den Grand Canyon, ein wundervoller Ort: Großartige Natur, eine Landschaft, welche in den letzten Millionen Jahren entstanden ist und sich ständig weiter verändert. Jahr für Jahr, kaum wahrnehmbar. Für einen Naturliebhaber wie mich die reine Freude.

2016-07-19 12.24.36

Dann ist es Mittagszeit und ich suche ein lokales Hotel auf, wo ich zu Mittag essen möchte. Während ich die Speisekarte studiere und überlege, worauf ich Hunger habe, setzt sich an den Nachbartisch eine Reisegruppe einiger Asiaten. Auf die Frage des Kellners, was sie denn bestellen möchten, antwortet die Reiseleiterin mit der Gegenfrage, was denn am schnellsten gehen würde, da man nur sehr wenig Zeit habe …??

Nun, was vordergründig lustig klingt, Essen nach Zeit statt nach Geschmack/Hunger auszusuchen, hat mich zum nachdenken gebracht. Über meine eigene Wahrnehmung von Zeit. Als Kind hatte ich immer das Gefühl, dass die Zeit stehen würde bzw. nie vergeht. Jeder Tag im Dezember war eine Ewigkeit, bis es endlich heiliger Abend war und Geschenke gab. 6 Wochen Sommerferien haben das Gefühl vermittelt, dass die Schule nie wieder anfangen würde.
Ganz anders die letzten Jahre im Beruf/Erwachsenenleben: Da hatte ich immer das Gefühl, die Zeit rennt. Kaum Sylvester gefeiert, schon ist das erste Quartal rum. Sonntags die Wochenplanung gemacht und schon was es wieder Samstag. Morgens nur schnell die wichtigsten Mails checken, dann wartet schon das nächste Meeting.
Ich habe mich manchmal mit Menschen darüber unterhalten, warum dies so ist. Die Antwort war immer: Das Verhältnis von gelebter Lebenszeit zu realer Dauer der Ereignisse verschiebt sich halt, je älter man wird. Deswegen würde man das so wahrnehmen. Und die Tatsache, das wir halt heute viel produktiver/beschäftigter sind und mehr am Tag zu erledigen haben. Deswegen würde die Zeit für Erwachsene immer schneller vergehen.

Ehrlich gesagt sehe ich das aktuell nicht mehr so: Mein Zeitgefühl ist wieder dem meiner Kindheit sehr nahe, was mich sehr überrascht hat, als es mir klar geworden ist. Ich habe aktuell das Gefühl, dass meine Reise schon Monate dauern würde, obwohl es erst genau 3 Wochen sind. Ich habe auch das Gefühl, dass meine Rückkehr im Oktober erst in unglaublich weiter Entfernung liegt, für mich gar nicht absehbar. Dabei sind es nur 8 Wochen bis dahin. Und ich habe auch den ganzen Tag über etwas zu tun: Reiseplanungen machen, Dinge des täglichen Alltags erledigen, Blog schreiben, Fotos machen, Auto fahren usw. Meine Aktivität (ich möchte das jetzt nicht provokant als Produktivität bezeichnen :-)) ist hoch, genauso hoch, wie sie im Beruf war. Ich bin den ganzen Tag beschäftigt. Trotzdem das völlig andere Gefühl.
Was ich als Unterschied ausmachen kann, sind lediglich zwei Dinge. Erstens: Ich habe absolut keine Routine mehr. Jeder Tag ist anders, und zwar völlig. Neuer Ort, neues Bett, neue Menschen, neues Essen, andere Eindrücke. Zweitens: Ich habe eine völlig freie Zeiteinteilung. Niemand drängelt mich zu Irgendetwas, sondern ich lebe voll in meinem eigenen Rhythmus. Wenn ich nicht um 13.00 Mittag esse, dann halt um 13.30. Wenn ich nicht um 20.00 im Motel bin, dann halt um 21.00 usw. Interessante Feststellung, wie ich finde …

Fazit: Freiheit heißt für mich ab jetzt auch Selbstbestimmung, und nicht mehr „nichts zu tun haben“. Es geht nicht darum, nicht arbeiten zu müssen. Es geht darum, in meinem eigenen Tempo zu leben und das zu tun, worauf ich Lust habe. Und es geht um Abwechslung, keine Routine. Dann ist alles im flow, dann ist mein Leben spannend, dann bin ich frei …